Ich sitze im Jugendgericht. Drei Jungs im Alter von 15 Jahren sind u.a. angeklagt, etwa 20 Mercedessterne abgebrochen zu haben.
Die Jugendrichterin, welche ich sehr schätze, fragt die Jungs, warum sie dieses getan hätten. „Eine Mercedessternkette wollten sie damit basteln. Für jeden der drei eine.“ Auf die Frage, wofür dieses sinnvoll wäre, antworten die Jungs, dass sie damit angeben wollten.
Sowohl Staatsanwältin, als auch Richterin begreifen den „Sinn“ dieser Tat nicht. Für sie steht fest, dass die Jungs die Tat aus Langeweile begangen haben.
Mir selbst kommt ein anderer Gedanke: Ich muss an alte Indiandergeschichten denken. An junge Krieger, die sich im Kampf und auf der Jagd auszeichnen und stolz Ketten aus Bärenkrallen tragen, welche sie sich in einem ehrlichen Kampf erworben haben. Ich denke im Jugendgerichtssaal an Adlerfedern, Coupstäbe und Narben auf den Körpern von jungen Kriegern. Und denke dann ganz kurz daran, in meinem möglichen Abschlußstatement darüber zu reden. Über die mangelnde Möglichkeit für junge Männer, sich in unserer Gesellschaft auszuzeichnen. Sich zu beweisen. Die Chance zu bekommen, sich ihrer Männlichkeit sicher sein zu können. Ich lasse es. Zu sehr fühle ich mich allein. Jugendrichterin, Staatsanwältin, zwei Damen von der Jugendgerichtshilfe. Ein Gerichtssaal voller Frauen. Auf der Anklagebank drei ungeschliffene, orientierungslose Jungs. Ich halte meinen Mund, denn ich glaube nicht daran, verstanden zu werden. Habe ich meinen Coup verpasst ? Vielleicht. Jedoch vielleicht ist dieser Gedanke, dieses Gefühl, das mir im Gerichtssaal durch Kopf und Herz zuckt zu unvorbereitet, zu wage in diesem Moment, als es in einem Jugendgerichtsverfahren auszusprechen…
Der große Coup…
•April 8, 2008 • 6 KommentareDie Stadt des Brudermörders
•März 30, 2008 • 3 Kommentare„Als Kain mit seiner Frau schlief, wurde sie schwanger und gebar einen Sohn: Henoch. Danach gründete Kain eine Stadt und gab ihr den Namen seines Sohnes.“ (Gen. 4, 17)
Kain der Brudermörder gründet eine Stadt. Sich selbst seiner Unschuld beraubt, ist er den Gesetzen der Natur ausgeliefert. Ein Mord fordert die Begleichung einer Blutschuld. Schutzlos der Rache ausgeliefert bekommt er ein Mal von Gott, dass ihn unter übernatürlichen Schutz stellt. Und doch ist das Leben in der Wildnis zu unsicher für Kain. Er baut um sich und seine Familie den Schutz der Zivilisation. Den Schutz einer Stadt.
Auch wir leben überwiegend in Städten. Unserer Unschuld verlustig geworden, sind wir nicht mehr würdig in der Natur und in der Wildnis zu leben. Die Gefallenheit des Menschen erfordert zivilisierte Gesetze, um uns voreinander und vor uns selbst zu schützen. Gefallen und schuldig leben wir in der Zivilisation, unserer direkten Verbindung zur Mutter Erde beraubt. Wir haben Blut fließen lassen auf ihr Antlitz und sie geschändet. So ziehen wir uns in unsere Städte zurück. Wir schützen uns vor den Urgewalten.
Und gehen wir doch hinaus, in den Schoß der Natur, so tuen wir gut daran, unsere Mutter um Verzeihung zu bitten, Buße zu tun und sie demütig zu bitten, unsere Lehrmeisterin zu sein…
Wenn unsere Großeltern gehen
•März 20, 2008 • Kommentar schreibenIm Laufe der Zeit werden sie gehen. Manche sind schon in einer anderen Welt. Unsere Großeltern. Und mit ihnen geht, was sie umgab und was sie auf unserer Welt bewirkten. Unsere Großeltern hinterlassen schmerzliche Lücken. In unseren Herzen, in unseren Familien, auf dieser Welt. Werden wir, ausfüllen können, was sie an Lücke hinterlassen ? Werden wir an ihre Stelle treten können ? Werden wir ihre Verantwortung für diese Welt, unsere Familien und unsere Lieben übernehmen können ?
Unsere Großeltern hinterlassen uns- jedem von uns- ein spezielles Erbe. Sind wir bereit, uns mit diesem Erbe auseinander zu setzen ? Werden wir das Verständnis, die Weisheit und die Kraft haben, dieses an zu treten ?
Erkenntnis, schwarze Schatten und ein Bollwerk…
•März 14, 2008 • Kommentar schreibenDa zeichnet es sich ab. Eine Erkenntnis durchflutet mich. Ich merke, was dahinter steckt. Was es für mich bedeuten wird. Klar, scharf, akzentuiert bildet es sich in meinem Kopf ab. Blitzschnell erwächst aus der Erkenntnis eine Strategie. Aus der Kartharsis fließt die Umsetzung. Und dann stehe ich da-, wissend, was zu tun ist. Wollend, es zu erreichen.
Und nun meldet es sich. Das alte Leben. Die alten Strukturen. Es wehrt sich, bäumt sich auf. Mit unbändiger Kraft stellt es sich in den Weg. Alle Erkenntnis, alle Umsetzungspläne, jede Strategie prallt auf das Bollwerk des Alten. In Gestalt von schwarzen Schatten steigen Ängste aus den Tiefen der Seele. Freigelassen umschwärmen sie mein Herz. Stärker als das Bollwerk des alten Lebens noch, ist die Angst eben jenes zu verlieren. Den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn das Alte -obwohl schädigend und zerstörerisch- verloren geht.
Ich falle ins Nichts, taumelnd, meine Seele wehrt sich, meine Existenz ängstigt sich, wohl wissend, dass sie verloren gehen wird. Nachts im tiefen Schlaf träume ich von einer Neugeburt.
Männerherz: Über Erneuerung
•März 10, 2008 • Kommentar schreibenTief in der Dunkelheit, im Bauch von „Mutter Erde“ wird das Herz des Mannes erneuert. Ausgeliefert den Naturkräften – Feuer, Wasser, Erde, Luft- sich seiner eigenen Grenzen und Endlichkeiten bewußt, findet der Mann zu seinem Herzen. Dem Irdischen zugewandt, sich in das Irdische verkriechend, findet er Zugang zum Himmlischen. Im Schoß von Mutter Erde empfängt er Klarheit, kauernd empfängt er Vision.
Männerherz: Trauer und Wut
•März 7, 2008 • 1 KommentarIn der Literatur der Männerbewegung ist immer wieder zu lesen, dass zwei Grundaspekte der Beschäftigung mit dem Männlichen, mit den Begriffen Trauer und Wut zu benennen sind. Männer, die sich ihrer eigenen Aggressivität stellen, kommen nicht umhin mit ihrer eigenen Trauer und Wut umgehen zu lernen. Und dabei scheint sich beides aufeinender zu beziehen. Nicht bearbeitete Trauer mündet in Wut. Wut, die Männer gelernt haben zu verdrängen. Früher in eher patriachalen Zeiten, haben Männer ihre Wut in Aggressivität gegenüber weiteren Menschen ausgelebt. Dies ist zurecht als männliche Gewalt gekennzeichnet und problematisiert. Immer wieder begegnen mir Männer, welche mit einem Haufen verdrängter Trauer und Wut herumlaufen. Immer wieder begegne ich mir selbst mit diesem Verdrängtem…
