Der große Coup…

Ich sitze im Jugendgericht. Drei Jungs im Alter von 15 Jahren sind u.a. angeklagt, etwa 20 Mercedessterne abgebrochen zu haben.
Die Jugendrichterin, welche ich sehr schätze, fragt die Jungs, warum sie dieses getan hätten. „Eine Mercedessternkette wollten sie damit basteln. Für jeden der drei eine.“ Auf die Frage, wofür dieses sinnvoll wäre, antworten die Jungs, dass sie damit angeben wollten.
Sowohl Staatsanwältin, als auch Richterin begreifen den „Sinn“ dieser Tat nicht. Für sie steht fest, dass die Jungs die Tat aus Langeweile begangen haben.
Mir selbst kommt ein anderer Gedanke: Ich muss an alte Indiandergeschichten denken. An junge Krieger, die sich im Kampf und auf der Jagd auszeichnen und stolz Ketten aus Bärenkrallen tragen, welche sie sich in einem ehrlichen Kampf erworben haben. Ich denke im Jugendgerichtssaal an Adlerfedern, Coupstäbe und Narben auf den Körpern von jungen Kriegern. Und denke dann ganz kurz daran, in meinem möglichen Abschlußstatement darüber zu reden. Über die mangelnde Möglichkeit für junge Männer, sich in unserer Gesellschaft auszuzeichnen. Sich zu beweisen. Die Chance zu bekommen, sich ihrer Männlichkeit sicher sein zu können. Ich lasse es. Zu sehr fühle ich mich allein. Jugendrichterin, Staatsanwältin, zwei Damen von der Jugendgerichtshilfe. Ein Gerichtssaal voller Frauen. Auf der Anklagebank drei ungeschliffene, orientierungslose Jungs. Ich halte meinen Mund, denn ich glaube nicht daran, verstanden zu werden. Habe ich meinen Coup verpasst ? Vielleicht. Jedoch vielleicht ist dieser Gedanke, dieses Gefühl, das mir im Gerichtssaal durch Kopf und Herz zuckt zu unvorbereitet, zu wage in diesem Moment, als es in einem Jugendgerichtsverfahren auszusprechen…

~ von sir66 am April 8, 2008.

6 Antworten to “Der große Coup…”

  1. Klingt erstmal plausibel. Wir haben uns irgendwo im Wald aus Baumprügeln Hütten gebastelt. Eher ist es der fehlende Bezug von Stadtkindern zur Natur, in der man sich austoben kann, bzw. wo es irgendwo einen Freiraum gibt, in dem man sich entfalten kann.
    Daß man „überschüssige Energie“ dann im Abreißen von Mercedessternen steckt, ist dabei schlecht, weil Sachbeschädigung. Immerhin haben sie jetzt die Möglichkeit, genau das zu lernen…

  2. Ich glaub, dass beide Sichtweisen das gleiche Ding beschreiben. Nachdem die Nachkriegsgeneration alles aufgebaut hat, womit sollen die Kids denn ihre Federn noch verdienen? Es ist ja alles schon da. Die Wertschätzung der jetzt Alten ist praktisch unmöglich zu bekommen…

  3. Welche Rolle spielst du da bei dem Gericht?

  4. Dies ist ein enges Land. Es braucht viele Regeln. Städte sind ncoh enger. Manche Männer lernen es, sich innerhalb dieser Regeln ausdrücken zu können, d.i. mit kulturellen Mitteln. Und sind irgendwie zufrieden (…scheint mir zumindest so). Und manche sind es nicht und wissen das … da gibt es eine Radikalität die mann nur dort ausleben kann wo es noch Raum ohne Regeln gibt, oder wo man Regeln brechen darf. Sowas gibt’s hier aber kaum noch …

  5. Hugh

  6. hi josha!
    hab vor kurzem einen artikel von dir über ‘männliche spiritualität’ in einem buch gelesen, hat mich inspiriert mir ein paar gedanken zu machen und einen blogeintrag dazu zu schreiben (www.inspire-js.blogspot.com). der begriff ‘männliche spiritualität’ klingt doch recht neu für meine ohren. hast du noch mehr dazu geschrieben???
    jasmin

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